99 TAUSEND PLÄNE

”The past is never dead. It’s not even past.”

Das Zitat ist berühmt. Aber so richtig verstanden habe ich es erst in den letzten Monaten. Denn da ist meine Vergangenheit plötzlich wieder höchst lebendig in mein Leben getreten – was mir bis heute große Freude macht. Das alles hat natürlich mit Musik zu tun. Und, ähnlich wie in den zuletzt hier berichteten Geschichten, mit der rätselhaften Macht des Internets, Zeit und Raum zu überbrücken.

Drehen wir das Rad also ein paar Jahrzehnte (!) zurück und fangen an: Es war einmal in Wilhelmshaven. Zu meiner musikalischen und instrumentalen Sozialisation dort habe ich kürzlich (jedenfalls in den zeitlichen Dimensionen dieses Blogs) bereits ein bisschen was geschrieben. Tatsächlich könnte ich Bücher füllen mit dem, was damals so los war in der ”Jadestadt” (die nichts, aber auch wirklich nichts mit einem Schmuckstein gemein hat) im Norden. Wo die Autobahn endet und die Nordsee anfängt, wie ich früher zu sagen pflegte. Aber nicht nur die. Es gab damals noch viel mehr, was anfing.

Ende der 1980er war ich bereits vielfältig musikalisch aktiv. Nach den Anfängen in der lokalen Ten-Sing-Gruppe hatte ich mit Andi und Knut meine erste eigene Band gegründet, Room Six. Ich fing an, eigene Songs zu schreiben. Außerdem nahm ich klassischen Kontrabass-Unterricht. Und wurde von meinem coolen, aber resoluten Lehrer beängstigend frühzeitig genötigt, beim ”Streichorchester der Gymnasien” vorstellig zu werden. Dessen einziger (und leicht überforderter) Kontrabassist ich dann für rund zwei Jahre war. Was tatsächlich nochmal reichlich Stoff für eine eigene Geschichte wäre.

Ziemlich viele Anfänge schon bis hierhin, oder?

Bewegte Zeiten

So 1989/90, relativ kurz vor dem Abitur, lernte ich über eine gemeinsame Bekannte (auch eine lange Geschichte) zwei Musiker kennen. Gleicher Jahrgang, andere Schule. Marc spielte Gitarre, und das beeindruckend gut. Jens spielte Keyboards, dito. Das erste Treffen habe ich zwar so in Erinnerung, dass man es heute wohl als ”awkward” labeln würde. Aber da kurze Zeit später das Telefon klingelte (Yep, Kinder das Telefon, und es klingelte analog, und sonst hatten wir ja auch nichts) und ich (mit meinem Bass) von den beiden zu einer Session eingeladen wurde, hatte es wohl doch irgendwie Klick gemacht zwischen uns.

Es war für mich das erste Mal, dass ich ”richtige” Musiker kennen lernte. Heute würde man ”Musik-Nerds” sagen. Also Menschen, die sich intensiv mit Musik, Musiktheorie, ihrem Instrument, instrumentaler ”Virtuosität” (diese alte, falsche Schlange) und Musiktechnik allgemein beschäftigten – so wie ich.

Andi und Knut (und später Sven) von meiner Band waren zwar keinesfalls weniger ”richtige” Musiker. Aber auf ganz andere Art: Wir verstanden uns musikalisch vor allem auf Song-Ebene hervorragend. Da galten alle gängigen Metaphern wie ”an einem Strang ziehen”, ”blind vertrauen” oder ”mehr als die Summe der Teile”. Ich spielte ihnen einen Song von mir vor – und sie wussten sofort, was ich meinte. Ich habe über die Jahre gelernt, dass so etwas nicht nur selten, sondern absolut außergewöhnlich ist (zu meiner großen Freude darf ich mit meiner jetzigen Band etwas Ähnliches erleben). Und wir waren damit auch jahrelang auf lokaler Ebene ziemlich erfolgreich.

Doch mit Jens und Marc waren Sachen drin, die mich musikalisch und instrumental ganz anders forderten. Jazz-Rock, Al Di Meola, Hendrix. Wir machten ein paar Aufnahmen, denn Jens hatte einen Vierspurrekorder (heiß begehrtes, teures Equipment damals), wobei sich die beiden auch noch als ziemlich fähige Schlagzeuger erwiesen (im Gegensatz zu mir). Ich erinnere mich an ein runtergekommenes, leerstehendes Gebäude in irgendeinem Gewerbegebiet. An einen Raum mit Eierkartons an den Wänden. Feuchte Luft, leichter Schimmelgeruch. Ein paar andere befreundete Musiker waren manchmal auch noch dabei, aber ich erinnere mich nicht mehr an alle.

Irgendwann klingelte dann schon wieder das Telefon. Bewegte Zeiten! Ein gewisser Holger wollte wissen, ob ich Lust habe, bei dem Bandprojekt mitzumachen, das er gerade auf die Beine stellte. Und Marc und Jens hätten mich als Bassisten empfohlen. Und die beiden seien auch dabei. Nur ein Schlagzeuger fehlte noch.

Room Six hatte gerade Pause – ich glaube, wir suchten gerade einen neuen Proberaum. Also brachte ich Knut ins Spiel. Andi war nicht amused, verständlicherweise.

Aber es sollte ja nur ein Projekt auf Zeit sein. Was es dann auch war. Wenn ich ich richtig erinnere, waren es die kompletten Osterferien 1990, die wir in in einem Gemeindehaus in Wilhelmshaven verbrachten, um Holgers Songs einzuüben.

”Praying for the Past”

Holger war großer Springsteen-Fan, das merkte man seinen eigenen Songs an, und den Cover-Songs in unserem Programm auch. Ich habe, wie ich letztens zufällig feststellte, die Mappe von damals noch im Schrank:

Ich denke, wir dürfen ruhig ein bisschen genauer hinschauen – ist ja lang genug her … 😉

v.l.n.r.: Knut, yours truly, Marc, Holger, Jens

Wir hatten tatsächlich einen gemeinsamen Auftritt – im Country Club in Wilhelmshaven. Auch eine eigene, geradezu unglaubliche Geschichte (”Bullenscheiße!”), aber man muss dabei gewesen sein. Beim zweiten Auftritt in der Ruscherei war Knut dann schon nicht mehr dabei, wenn ich mich recht erinnere. Room Six waren inzwischen wieder sehr aktiv geworden. Und dann machten wir alle Abi und Holgers Band war mehr oder weniger Geschichte. Aber eine ganz gute, finde ich immer noch.

Der Austausch mit Marc und Jens ging weiter, auf vielen Ebenen. Marc war einmal Session-Gast bei einer Probe von Room Six, davon gibt es sogar einen Mitschnitt. Ich ging mit ihm zu einem Konzert eines meiner Lieblingsgitarristen, Peter Finger, was Marc dazu inspirierte, ein Stück von ihm in seiner Abi-Prüfung vorzutragen. Jens engagierte mich am Bass für den Vortrag eines Jazz-Standards (”Don’t get around much anymore”) in der Ruscherei (auch eine Prüfung, wenn ich mich richtig erinnere) – und wir waren eine Zeit lang generell viel in Kontakt.

Später spielte Marc in ein paar Bands in Wilhelmshaven, mit Jens tauschte ich Tapes aus, ab und zu trafen wir uns irgendwo, zufällig oder geplant. Wilhelmshaven war damals zwar noch größer, aber immer noch übersichtlich. Dann war ich erst Zivi in Delmenhorst und später Studi in Münster, aber wegen der vielfältigen Aktivitäten von Room Six noch jahrelang (bis ca. 1995) am Wochenende regelmäßig in meiner Heimatstadt. Man lief sich manchmal noch über den Weg, meistens im legendären Palazzo. Irgendwann in diesen Jahren riss der Faden dann ab.

Zoom Forward. 30 Jahre.

Als ich letzten Herbst damit anfing, mein Heimstudio-Setup komplett umzubauen, fiel mir bei den Auf- und Umräumarbeiten ein Karton mit alten Kassetten in die Hände. Die hier war auch dabei:

”Das ist ja meine Handschrift”, kommentiere Jens, als ich ihn mit dem Tape konfrontierte.

Auf Seite A sind einige Aufnahmen, die ich damals mit Jens und Marc gemacht hatte. Jens hatte mir die Kassette zusammengestellt. Seite B hatte ich für Demos von Songs für Room Six genutzt. Speicherplatz war damals schon wertvoll.

Solche Zufallsfunde können bekanntlich zu schicksalhaften Wendungen führen und immens glücklich machen. Auch in diesem Fall.

Vom Gedanken ”Was macht Jens jetzt wohl so?” war es nicht weit zum nächsten Google-Fenster. Und, wer hätte das gedacht, Jens hat einen Account bei SoundCloud. In diesem fand ich einen Song für einen gewissen Holger. Den Jens erst ein Jahr zuvor zusammen mit Marc aufgenommen hatte.

Bingo! 

Nach den ersten Nachrichten über SoundCloud folgten E-Mails. Jens (inzwischen in Hannover wohnhaft) und ich tauschten uns darüber aus, was die vergangenen 30 (!!) Jahre so passiert war. Dann gab’s eine Chat-Gruppe, gemeinsam mit Marc (wieder in Wilhelmshaven) und Holger (irgendwo in Ostfriesland).

Und, oh Wunder, Jens & Marc waren musikalisch auch noch aktiv, überaus sogar, und verfügen über Heimstudios (in Marcs Fall wohl schon eher ein Studioheim), also alles ähnlich wie ich. Jens schlug vor, doch mal wieder was gemeinsam zu machen. Zum Glück war ich ja gerade im Umstieg von meinem alten, eher proprietären Studio-Setup hinzu Logic Pro. Dem Austausch von Files, Tracks & Songs stand also nichts im Wege.

Wir legten einfach mal los. Als hätten wir uns erst kürzlich zuletzt gesehen.

Tausend Pläne

Jens suchte sich einen Song aus meinen Demos aus, die ich in der Corona-Zeit produziert hatte, eigentlich als Demos für meine Band. Das war sogar der erste Song, den ich am Rechner (mit GarageBand) produziert hatte, noch mit eher schlechten Interfaces – um zu testen, wie ich mit diesem Produktionsweg klar komme. Der Song heißt ”Tausend Pläne”. Wer auf Vorher/Nachher-Effekte steht, kann sich hier das ursprüngliche Demo anhören.

Jens nahm sich die Tracks vor, programmierte neue Drums, spielte Keyboards (Orgel) & A-Gitarren ein, ich spielte den Bass neu ein und nahm die Vocals neu auf, Jens‘ Tochter Swenja fügte sehr stimmigen Background-Gesang hinzu – und am Ende veredelte Marc alles mit einer wahrhaft marcigen Sologitarre.

Ich war baff. Und äußerst entzückt. Wofür ich euch natürlich auch die Chance geben möchte:

Zauberhaft, oder? Wir haben uns dafür nicht ein einziges Mal getroffen, noch nicht mal telefoniert – wir haben einfach in unseren Studios in Hannover, Münster und Wilhelmshaven die Tracks aufgenommen und hin- und hergeschickt. Jens übernahm am Ende Mixing & Mastering. Meisterhaft.

Spell

Apropos zauberhaft: Jens schickte dann auch ein paar seiner Demos an mich, darunter eine Song-Idee namens ”Spell”. It caught my ear. Ich entwickelte in Absprache mit Jens einen deutschen Text, basierend auf seiner Grundidee, spielte den Bass ein und nahm den Gesang auf. Marc übernahm die Gitarrenparts und am Ende wurde alles von Jens wieder schön rund gemischt. Enjoy:

Die beiden Songs sind übrigens auch eine sehr gute Gelegenheit, meinen Schraub-Preci in Action zu erleben. In einem Fall ein bisschen angezerrt, im anderen schön tief und ausgewogen. Finde ich.

”The future is never dead. It’s very present!”

Das Ende der Geschichte: Es gibt kein Ende. Es gibt lauter neue Anfänge – wenn man es zulässt. Und sich ein bisschen Mühe gibt.

Ich freue mich jedenfalls sehr darüber, dass eine vor langer Zeit begonnen und beendet geglaubte Geschichte jetzt einfach so weitergegangen ist. Hatte ich am Anfang des Artikels geschrieben, das Internet könne Zeit und Raum überbrücken? Vielleicht stimmt das gar nicht. Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer viel größeren (und älteren Macht) zu tun, die das vermag: mit der Musik.

Bald gibt’s neue Berichte & Geschichten an dieser Stelle – stay tuned!

98 THE STELZER

”I know nothing about this bass”

Das Netz ist unfassbar. Voll von Geschichten, Bildern und Begegnungen, die unser Verständnis von Rea- und Normalität auf immer wieder neue Weise herausfordern. Oder ist es genau andersherum? Ich weiß es nicht. Seit ich herausgefunden habe, dass ich in einer parallelen (?) Dimension richtiger Bassbauer und nicht nur schnöder -schrauber bin, zweifle ich an … an … an allem, was ich meinte, zu wissen zu glauben? Inklusive der grammatischen Korrektheit von Infinitivhäufungen am Satzende? Seufz. ”If only someone here were a native German speaker…” Und schon sind wir mittendrin in der ersten von drei geradezu un-glaub-lich-en Storys.

1) ”That is nice looking.”

Ich weiß nicht mehr, was ich gegoogelt hatte. Aber ich landete eines Tages im letzten Jahr auf dieser Forums-Seite:

Ich las, stutzte und staunte. Und verstand erst beim Lesen dieses Beitrags, was hier los war:

Offensichtlich eine Verwechslung. Meine Artikel über Oliver Barons ersten Helliver Bass-Prototypen (Teil 1, Teil 2, Teil 3) im Jahr 2019 waren irgendjemandem in den USA aufgefallen. Und dann sorgte die Sprachbarriere dafür, dass ich plötzlich als Erbauer des von mir eigentlich nur getesteten und vorgestellten Bassmodells galt, das an einer Stelle (s. o.) sogar folgerichtig (und irgendwie liebevoll) ”The Stelzer” getauft wurde.

Ist es zu fassen?

Auch Oliver, den ich darüber informierte, war äußerst erheitert. Doch als ich dann schrieb, ich müsse das dann wohl besser schnell mal aufklären – da meinte er ganz souverän: ”Och, lass doch einfach. Ist doch lustig!”

2) ”Hallo, Marleaux” revisited

Vor ein paar Jahren besuchte ich den Messestand von Marleaux auf der Hausmesse bei Musik Produktiv in Ibbenbüren. Wie ich da ins Gespräch mit Gerald Marleaux kam und wie geflasht ich davon war, kann man hier an anderer Stelle nachlesen.

Vor knapp zwei Jahren schrieb Marleaux einen Video-Wettbewerb aus, den ich unglaublicherweise gewann. Wie es dazu kam und wie geflasht ich davon war, kann man hier ebenfalls nachlesen (und es wird bald noch mehr dazu zu lesen geben, versprochen).

Vor einiger Zeit, so ca. Herbst 2022, besuchte ich dann mal wieder die Website von Marleaux, die gerade einen kompletten Relaunch hinter sich hatte.

Und, was strahlte mir direkt entgegen?

Genau, mein Bass! 😳

Und wenn man dann unter ”Instrumente” das Modell ”Consat” auswählt, sieht man ihn auch wieder – als Inbegriff dieser Modellreihe.

Das ist MEIN Bass:

😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊😊

3) Natürliche Ausrede

Twitter ist doof? Ja, mag sein. Aber Twitterinnen und Twitterer (oder sagt man ”Twitterende”? Oder ”Twittende”? Oder einfach ”Twitti” – das wäre doch schön, oder?) sind es oft nicht. Nicht alle, OK. Jedenfalls habe ich bei Twitter jemanden kennen gelernt (wir wissen beide nicht mehr, wann und warum), der allein schon Grund genug dafür wäre, dankbar für diese Plattform zu sein. Auch wenn wir uns inzwischen meistens nicht mehr via Twitter, sondern über Textnachrichten (aka SMS) austauschen. Inhaltlich oft über das, was er nebenberuflich im Netz Spannendes macht bzw. veröffentlicht. Und das fast jede Woche!

Die Rede ist von Christopher Braucks und seinem sehr, sehr empfehlenswerten Podcast ”Natürliche Ausrede”.

Im Dezember 2022 begab es sich, dass ich Christopher um fachmännischen Rat frug, was meinen Studio-Umbau anging. Ich suchte nach neuen 19″-Racks für meinen Studio-Schreibtisch. Er hatte tatsächlich viel mehr als einen guten Rat für mich: zwei perfekt in mein Beuteschema passende Racks im Keller, die er nicht mehr brauchte. Hurra!

Wir einigten uns schnell auf die üblichen Privatverkaufsmaufmodalitäten. Und dann bot Christopher sogar an, mir die Racks nach Münster zu bringen. Nochmal Hurra!

Bei der Gelegenheit begegneten wir uns zum ersten Mal persönlich, was eine noch größere Freude als der Business-Anlass unseres Treffens war. Die beiden Racks passten wirklich perfekt (nachdem ich das Holz ein bisschen aufgearbeitet und gepflegt hatte, sowas kann ich jetzt ja, übrigens mit dem gleichen Öl-Wachs-Finish wie meinen Schraub-Preci):

Ich freute mich sehr darüber, dass Chris mir die Racks extra nach Münster brachte. Und dachte mir: Was kann ich Chris dafür Gutes tun? Ich entschied mich dafür, ihm einen interessanten Gesprächspartner für seinen sehr, sehr empfehlenswerten Podcast zu vermitteln!

Da der gute Chris beruflich viel mit Musik und Musik-Equipment zu tun hat und ich ihn durch Twitter & seinen Podcast schon etwas kennen gelernt hatte, kam ich schnell auf den perfekten ”Match” in Münster für ihn. Die Terminfrage konnte schnell geklärt werden, ich führte Chris (nach einem gemeinsamen Burger-Lunch) noch an die Zieladresse – und der Rest ist Geschichte. Beziehungsweise eine sehr, sehr empfehlenswerte Podcast-Folge von ”Natürliche Ausrede”, die ich euch ganz besonders ans Herz legen möchte:

Ist das Netz nicht unfassbar? Ich hoffe, meine drei kleinen Geschichten haben euch ebenso erfreut wie mich.

Vielen Dank fürs Lesen & Klicken und bis bald (versprochen!) an dieser Stelle – mit mehr zu den beiden Dauerbrenner-Stichworten ”Baron” und ”Marleaux”. Stay tuned!